Warum zahlt der Nachbar für seinen Strom deutlich weniger, obwohl sein Haushalt ungefähr genauso viel verbraucht? Genau diese Frage bringt viele überhaupt erst dazu, sich mit Stromtarifen zu beschäftigen. Dabei fällt schnell auf, dass ein Vergleich komplizierter ist, als einfach den niedrigsten Jahrespreis auszuwählen. Ich schaue deshalb inzwischen zuerst darauf, wie sich ein Tarif zusammensetzt – und erst danach auf die große Zahl, die im Vergleichsportal besonders auffällig dargestellt wird.
Das klingt nach zusätzlicher Arbeit, verhindert aber einige unangenehme Überraschungen. Ein Tarif kann im ersten Jahr hervorragend aussehen und zwölf Monate später plötzlich ziemlich mittelmäßig sein. Besonders Boni, Preisgarantien und unterschiedlich hohe Grundpreise verzerren den ersten Eindruck.
Arbeitspreis und Grundpreis getrennt betrachten
Bei Stromtarifen begegnen einem normalerweise zwei Beträge. Der Arbeitspreis wird für jede verbrauchte Kilowattstunde berechnet, während der Grundpreis unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch anfällt. Gerade bei kleinen Haushalten wird dieser Unterschied häufig unterschätzt.
Angenommen, ein Single-Haushalt verbraucht nur 1.500 kWh pro Jahr. Ein Tarif mit niedrigem Arbeitspreis, aber hohem monatlichem Grundpreis kann dann schlechter abschneiden als ein Angebot, bei dem jede Kilowattstunde etwas teurer ist. Bei einer Familie mit 4.500 kWh Jahresverbrauch verschiebt sich die Rechnung dagegen deutlich stärker in Richtung Arbeitspreis.
Deshalb rechne ich einen interessanten Tarif gern einmal ohne Vergleichsportal nach: Jahresverbrauch mal Arbeitspreis plus jährlicher Grundpreis. Das dauert kaum zwei Minuten und zeigt erstaunlich schnell, woher der beworbene Gesamtpreis tatsächlich kommt.
Der Bonus gehört für mich nicht zum normalen Strompreis
Neukundenboni sind nicht grundsätzlich schlecht. Problematisch wird es erst, wenn sie einen eigentlich teuren Tarif günstig aussehen lassen. Kostet ein Angebot regulär beispielsweise 1.100 Euro im Jahr und enthält einen einmaligen Bonus von 200 Euro, erscheinen im Vergleich zunächst nur 900 Euro. Im zweiten Vertragsjahr fehlen diese 200 Euro jedoch.
Ich betrachte deshalb beide Zahlen: die Kosten im ersten Jahr und die regulären Kosten ohne einmaligen Bonus. Das macht Angebote wesentlich besser vergleichbar.
Spätestens wenn ein attraktiver Tarif gefunden ist, sollte außerdem geprüft werden, was beim eigentlichen Anbieterwechsel zu beachten ist. Die Punkte rund um Stromanbieter wechseln und Vertragsbedingungen prüfen helfen dabei, Preisvergleich und Vertragswechsel nicht miteinander zu vermischen.
Preisgarantie: Das Kleingedruckte entscheidet
Eine Preisgarantie klingt beruhigend, ist aber nicht automatisch eine Garantie dafür, dass sich überhaupt nichts verändert. Je nach Vertrag können bestimmte staatlich beeinflusste Preisbestandteile oder andere Kosten ausgenommen sein. Deshalb interessiert mich weniger das Wort „Preisgarantie“ als die genaue Formulierung daneben.
Auch die Dauer sollte zur Vertragslaufzeit passen. Eine zwölfmonatige Preisgarantie ist bei zwölf Monaten Vertragsdauer nachvollziehbar. Läuft der Vertrag länger, die Garantie aber deutlich früher aus, trägt man anschließend wieder ein Preisänderungsrisiko.
Diese Zahlen schreibe ich mir vor der Entscheidung heraus
Bei mehreren ähnlich aussehenden Angeboten hilft eine kleine Gegenüberstellung. Ich notiere dabei nur Werte, die für die tatsächlichen Kosten oder meine spätere Flexibilität relevant sind:
- Arbeitspreis pro Kilowattstunde und jährlicher Grundpreis
- Gesamtkosten im ersten Jahr mit und ohne Bonus
- Dauer und Umfang der Preisgarantie
- Mindestvertragslaufzeit und Kündigungsfrist
- Preis beziehungsweise Vertragsbedingungen nach der Erstlaufzeit
Damit verschwinden viele vermeintliche Schnäppchen von selbst. Vorsichtig werde ich außerdem bei Tarifen mit Vorauszahlung oder ungewöhnlich großen Strompaketen. Wer beispielsweise für eine festgelegte Verbrauchsmenge bezahlt, spart nicht zwangsläufig Geld, wenn am Jahresende deutlich weniger Strom benötigt wurde.
Mit dem echten Verbrauch rechnen, nicht mit einem Wunschwert
Für einen brauchbaren Vergleich nehme ich möglichst den Verbrauch aus der letzten Jahresabrechnung. Schätzwerte wie „typischer Zwei-Personen-Haushalt“ sind nur eine Notlösung. Zwei Haushalte mit gleicher Personenzahl können durch elektrische Warmwasserbereitung, Homeoffice, große Kühlgeräte oder häufiges Kochen völlig unterschiedliche Verbräuche haben.
Auch nach einem Umzug würde ich lieber etwas konservativer rechnen. Ein Tarif, der bei 2.000 kWh hervorragend aussieht, muss bei 3.500 kWh längst nicht mehr an erster Stelle stehen. Genau deshalb lohnt es sich, zwei realistische Verbrauchswerte probeweise durchzurechnen.
Ein guter Tarif muss auch im zweiten Jahr noch vernünftig aussehen
Am Ende interessiert mich nicht, welcher Anbieter im Vergleichsportal den spektakulärsten Rabatt zeigt. Ich möchte wissen, was eine Kilowattstunde tatsächlich kostet, welche festen Gebühren hinzukommen und was passiert, wenn ich den Vertrag länger als zwölf Monate behalte.
Der interessanteste Tarif ist deshalb häufig nicht das Angebot mit dem niedrigsten eingeblendeten Erstjahrespreis. Es ist eher der Vertrag, dessen Kosten ich auch ohne Sternchen, Bonus und optimistische Verbrauchsannahmen nachvollziehen kann. Wenn zwei Angebote nur wenige Euro auseinanderliegen, würde ich diese Transparenz jederzeit in die Entscheidung einbeziehen – denn spätestens mit der zweiten Jahresabrechnung zeigt sich, ob aus einem vermeintlichen Schnäppchen wirklich ein günstiger Stromtarif geworden ist.

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